Wir haben es getan!

Im Team selbstbestimmt Geburten begleiten, Frauen einen besonderen Ort zum Gebären bieten, diese Vision wurde Wirklichkeit, als drei Hebammen sich recht spontan entschlossen, ein eigenes Geburtshaus zu gründen. Sie konnten dabei auf handfeste Geburtserfahrung zurückgreifen und setzten viel Mut und Tatkraft ein.

Für den Grundstein dieser Geschichte müssen wir eine ganze Weile in der Zeit zurückgehen.

Erste Erfahrungen
Das Jahr 2018, Wuppertal. Jessica hat ein Vorstellungsgespräch in einem Geburtshausteam im Aufbau. Es ist die Gründung eines neuen Standorts in Kooperation mit einer großen Klinik geplant. Melanie sitzt mit am Tisch sowie die Geschäftsführung und eine weitere zukünftige Kollegin. Man entscheidet, dass es passt, und so wird nach einem langen Planungsprozess, in den das Gründungsteam tief involviert ist, im April 2020 mitten im ersten Lock-Down das neue Haus eröffnet. Mit einem Team aus drei Hebammen – zwei relativ frisch examiniert (eine davon Jessica) und Melanie, die aus der Elternzeit kommt. 

Es ist eine intensive Zeit, geprägt von Aufregung, Motivation, aber auch von Be- und teils Überlastung.

Das schweißt die beiden Kolleginnen Melanie und Jessica zusammen, denn es zeigt sich schnell, dass sie nicht nur gemeinsame Werte und eine ähnlich hohe Belastbarkeit, sondern auch ein gemeinsames Verständnis von einer selbstbestimmten, evidenzbasierten Geburtshilfe haben.

Wir spulen ein paar Jahre vor. Das Team des Hauses wächst und schrumpft. Es gehen Kolleginnen und es kommen neue Kolleginnen hinzu. 2023 kommt Celina ins Team. Parallel bewegt sich berufspolitisch gerade viel. Der Ausschluss der Doppelmitgliedschaft im DHV ist ein großes Thema. Die Geschäftsführung des Hauses, das dem Netzwerk der Geburtshäuser angehört, hat den Willen, die Mitgliedschaft der Einrichtung im DHV zu beenden und einen Versicherungswechsel anzustreben. 

Im gesamten Team findet eine Abstimmung dazu statt. Vier Hebammen – Melanie, Celina, Jessica und eine weitere Kollegin – sind gegen den Austritt aus dem DHV und gegen einen Wechsel der Versicherung.

Der Vorstand entscheidet daraufhin im November 2023, den Kooperationsvertrag der vier Hebammen mit der Einrichtung zu beenden.

Da die Kündigungsfrist sechs Monate beträgt, dürfen wir „unsere“ Frauen mit errechnetem Termin bis Mai 2024 dort noch begleiten.

Wir suchen eine Alternative
Als wir ahnen, dass sich unsere Wege trennen würden, begeben wir uns angesichts des existentiellen Ausmaßes auf die Suche nach einer Alternative.

Unser Plan: die Gründung einer Hebammen-Praxis mit ausschließlicher Hausgeburtshilfe.

Wir brainstormen sogar einen Namen: „Die Hebammerei“ soll es sein. Unspektakulär. Wir sind aber zuversichtlich. Melanie reserviert die passende Domain.

Es müssen ein paar Räume her, denn wir können uns nicht vorstellen, im alten Haus noch länger tätig zu sein. Melanie witzelt zwischendurch, dass wir einfach unser eigenes Geburtshaus gründen sollten.

Auf der Suche nach Räumen für die Hebammenpraxis werden wir in einem Online-Immobilienportal fündig. Der Bürokomplex der Alten Glaserei – ein ehemaliges Industriegebäude in einem zentralen und alternativen Viertel in Wuppertal Elberfeld – sucht neue Mieter. Kurzerhand verabreden wir einen Besichtigungstermin und entscheiden noch vor Ort, dass es für uns passt.

Die Räume liegen in der zweiten Etage, sind perfekt geschnitten: zwei Vorsorgeräume, ein kleiner Kursraum, ein Raum für Hauswirtschaft und Lager, Küche, Bad. Die Anbindung ist super, der Flur groß genug, um auch als Wartebereich zu dienen. Den Praxisbetrieb wollen wir im Januar 2024 aufnehmen, im Dezember sind wir zunächst durchgehend mit Renovierungsarbeiten beschäftigt.

Fulminanter Jahreswechsel
Die Räume im Erdgeschoss der Glaserei stehen derweil noch leer. Auch hierfür werden neue Mieter gesucht. Am 31. Dezember 2023 diskutieren Melanie und Jessica über Whatsapp, ob sie mit 50 Jahren noch 50 Kilometer durch die Lande zu einer Hausgeburt fahren würden. Und ob die untere Etage nicht doch als Geburtsraum taugen könnte. Aus dem Chat entspinnt sich eine wilde Vision mit grober Kalkulation: Miete, Versicherung, Qualitätsmanagement etc. ergeben heruntergerechnet auf die Betriebskostenpauschale circa 29 Geburten im Jahr … Ah, im April läuft eine Fortbildung zur Qualitätsmanagementbeauftragten (QMB) … Melanie simst dem Herrn, der den Trakt verwaltet, ob er sich vorstellen könnte, dass wir dort ein Geburtshaus eröffnen. Die Antwort kommt 21:05 Uhr „Das sind alles machbare Dinge. Bis nächstes Jahr.“

Am 1. Januar 2024 besichtigt Jessica die Räume. Sie hatte im alten Haus schon das Konzept für die Einrichtung der Geburtsräume entworfen. Der Schnitt ist gut. Es hat Potenzial.

In ihrem Kopf entsteht das Bild einer kuscheligen, grünen Höhle.

Wir brauchen ein Team-Treffen.
Einen Tag später treffen sich Melanie, Celina und Jessica spontan in ihrem Lieblingslokal. Wir müssen reden. Melanie und Jessica sind sich mittlerweile einig: Ein Geburtshaus können wir wagen. Und wenn es nicht klappt, okay, dann kündigen wir die Etage eben wieder. Wir fragen Celina. Ja, sagt sie, das schaffen wir! 

Unter Dach und Fach
Wir überlegen, was wir nun alles machen müssen: Der Boden in den Räumen ist noch gut. Die Wände brauchen einen Anstrich. Ob wir einen aufblasbaren Pool als Badewanne nutzen wollen? Wir erstellen eine grobe Inventar- und Materialliste, überschlagen die Investitionskosten, listen die Aufgaben, die erledigt werden müssen, und verteilen sie: Mietvertrag, Ergänzungsvertrag, Gründung einer Personengesellschaft, Institutionskennzeichen, DHV, Finanzamt und so weiter.

Die Kosten, so entscheiden wir, stemmen wir selbst. Keine Spenden, keine Förderung. Wir halten sie für übersichtlich und die ganze Sache wert, können zu diesem Zeitpunkt aber nicht wissen, dass unsere Kalkulation nicht ganz passt und wir am Ende einiges mehr investieren als geplant. Es ist ein dickes Brett, was wir da bohren wollen, aber wir sind hochmotiviert.

Bereits am 10. Januar 2024 können wir einen Termin bei einem Notar wahrnehmen. Die Partnergesellschaft, für die wir uns entschieden haben und die Träger der Einrichtung sein soll, ist damit unter Dach und Fach. Der Mietvertrag ist auch unterschrieben. Die ersten Familien werden informiert. Der Rückhalt und Zuspruch sind riesig. Das spornt uns an. 

Baustelle, Behörden, Badewanne
Die folgenden Wochen sind arbeitsintensiv. Zwischen Terminen in der Praxis, Hausbesuchen und Geburten renovieren wir aus eigener Kraft und mit wenig Schlaf, dafür mit Hilfe von Freundinnen* und Familie das Erdgeschoss der alten Glaserei. Selbst ist die Frau. Die Baustelle wird dabei größer als geplant. Es muss doch ein neuer Boden her, Leitungen müssen verlegt und Durchgänge verschlossen werden. Nebenher ist die Webseite in Arbeit, es werden Möbel, Dekoration und Einrichtung, Material, Apotheke und Geräte bestellt.

Wir prüfen, was wir brauchen: Brandschutz haben wir, Bauamt ebenso, Gesundheitsamt ist informiert.

Wir profitieren enorm von unserem Know-how aus der ersten Gründung.

Jessica war dort bereits QM-Beauftragte, war zudem zuständig für Labor, Material und Apotheke. Melanie war im alten Haus die fachliche Leitung, außerdem zuständig für die Geräte und zwischenzeitlich für die Hygiene. Celina hat einen Belegvertrag mit der nächstgelegenen Klinik – dem Haus, was auch unsere Verlegungen aufnehmen würde. Trotzdem wühlen wir uns durch Verordnungen, Vorgaben, Bestimmungen und Gesetze.

Die Zuständigkeiten legen wir nach unseren Stärken fest: Melanie, die einen kaufmännischen Background und von Beginn die Kommunikation mit allen wichtigen Schnittstellen und die Abläufe im Blick hat, wird organisatorische Leitung. Jessica, die gefühlt jede Leitlinie auswendig kann, wird fachliche Leitung.

Ende Februar können wir endlich eine richtige Badewanne installieren – die Idee mit dem aufblasbaren Gebärpool hatten wir natürlich schnell verworfen. Der Raum wird langsam fertig. Die ersten Fotos werden gemacht. Der Plan: Wir wollen zum Weltfrauentag am 8. März 2024 unser Geburtshaus eröffnen. Dass beim Bett auf dem Foto noch der Lattenrost fehlt, weiß ja keiner.

Zitterpartie
Am 28. Februar haben wir alle Unterlagen des Ergänzungsvertrags zusammen und der Brief geht raus an den GKV-Spitzenverband. Wir sind aufgeregt, denn die ersten Frauen stehen langsam an und wir hoffen auf eine unkomplizierte Zulassung.

Dann der Schock: Der Brief kommt zurück. Falsch frankiert. Wir senden ihn erneut nach Berlin, per Express und Prio. Am 6. März 2024 erhalten wir endlich die Bestätigung der Vertragspartnerschaft durch den GKV.

Pünktlich zum Weltfrauentag dürfen wir starten.

Die Freude und Erleichterung sind groß und Entspannung kehrt ein. Wir haben es geschafft!

Am 17. März 2024 um 14:30 Uhr wird das erste Baby in unserem Geburtshaus geboren und wir spielen uns langsam ein. Einen Monat später findet in der Veranstaltungshalle der Alten Glaserei eine Familienmesse statt. Wir nutzen die Gelegenheit und veranstalten unseren ersten Tag der offenen Tür. Tatsächlich beschert uns das Jahr 2024 bereits 30 Geburtshausgeburten in der Hebammerei – neben 52 Haus- und 29 Beleggeburten.

Die Anmeldungen zu den Geburten laufen gut und somit entscheiden wir im Frühjahr 2025 einen weiteren Raum einzurichten, der als Back-up für Geburten dienen soll. Ende des Jahres 2025 dürfen wir 49 Geburten im Geburtshaus, 46 Hausgeburten und 10 Beleggeburten zählen. Mittlerweile bauen wir kontinuierlich unser Kursangebot aus und im März 2026 haben wir unser erstes externes Audit erfolgreich bestanden.

Freude und Stolz
Im April 2026 erweitern wir unser Team durch eine neue Kollegin. Annabell hat uns bereits in ihrem Externat als Studentin begleitet und wir freuen uns riesig über ihre Unterstützung. 

Dank unseres Finanzierungskonzepts trägt sich die Hebammerei sehr gut und wir haben Ressourcen für weitere Investitionen und Pläne. 

Wir sind stolz darauf, was wir geschafft und geschaffen haben: einen Ort, an dem wir selbstbestimmt Familien begleiten dürfen, mit einem Team, das sich auf allen Ebenen und auf Augenhöhe perfekt ergänzt. Dass wir in weniger als acht Wochen ein Geburtshaus auf die Beine stellen konnten, verdanken wir nicht nur vielen glücklichen Fügungen, sondern auch einem ausgeprägten „Will-to-Survive“. Ja, unsere Arbeitsbelastung ist zwischenzeitlich hoch, aber exponentiell ist mit ihr auch unsere Arbeitszufriedenheit gewachsen. Das war die Investition an Mühe, Zeit, Nerven und Geld definitiv wert!

Erschienen in: Hebammenforum 27(6): 18–23
Autorin Jessica Scholz, Hebamme B.Sc.

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